Realitätsflucht - Tag 1

5:30 - Mit den Hühnern geht's los

Ich wache auf, an weiterschlafen ist nicht zu denken, was kein Wunder ist, wenn man den vorigen Tag komplett verpennt und sich dann gegen 2 Uhr ins Bett zwingt. Der Tag beginnt mit Gedanken ans Schummeln, immerhin werden es so mehr als 48 Stunden, am Samstag schlafe ich sicher länger. Der Gedanke wird verworfen und ich rauche erstmal eine.

5:40 - Zuflucht im Tagebuch

Ich beginne mit meinen Notizen und stelle schnell fest, daß ich es nicht mehr gewohnt bin, von Hand zu schreiben. Endlose Gedanken, wie ich den Tag rumbekommen soll, rasen durch meinen Kopf. Ich stelle fest, daß Tagebuch schreiben einen Großteil von allein auffressen wird. Um so besser, dann kann es ja losgehen.
Ich schnappe mir, zum ersten Mal dieses Jahr, das Buch "Leben ist mehr, Impulse für jeden Tag" und schaue mir den heutigen Bibelspruch und den dazugehörigen Ratschlag an. Zum Glück steht der Wochentag dabei, das genaue Datum hätte ich nicht gewusst. "Der Sohn des Menschen ist gekommen zu suchen und zu erretten, was verloren ist" (Lk 19,10). Oha.
Zeit für Taten. Ich werde erstmal den Müll wegbringen, ein wunderbares Alibi. Ist auch schon 6 Uhr.

6:15 - Spaziergang mit Müllsack

Schade, daß die Wertstoffsammlung um die Ecke nur temporär während des Müllmannstreiks war, den Müllsack habe ich wieder mit nach Hause gebracht. Die Hose wollte ich zum Glück eh wechseln. Nun sitze ich da und denke nach. Vielleicht sollte ich erstmal duschen und dann in die Stadt fahren, diese wird mich prima ablenken.

6:55 - Duschen geht nunmal nicht auf die Schnelle

Ich bin fertig mit duschen und sogar teilweise angezogen, viel mehr Zeit hätte ich echt nicht mehr rausschinden können im Bad. Ich beschliesse, meine Magickarten rauszukramen, damit ist der Nachmittag schonmal gesichert. Gegen 7:30 verlasse ich dann meine Wohnung, bevor ich mich noch länger in meinen Karten verzettle.

8:05 - Bahnfahrt und Pläne

Meine Bahn fährt los, damit bin ich auf dem Weg in die Stadt. Zuerst werde ich frühstücken gehen. Etwas, daß ich sonst nicht tue, aber darum geht es ja irgendwie. Spasseshalber sortiere ich unterwegs meine Karten, ein Gespräch beginnen wird wohl scheitern. Mit einem Auge suche ich schon von der Bahn aus Museen, nie ist eins da, wenn man mal eins braucht. Jedes ältere Gebäude, in dem man ein Museum vermuten könnte, entpuppt sich als Behörde.

9:00 - Frühstück

Nachdem ich knapp 45 Minuten durch die Fussgängerzone marschiert bin, habe ich mich erstmal mit Backwaren eingedeckt. Bisher ist nicht viel los in der Stadt, die meisten Geschäfte haben noch geschlossen und es ist kaum jemand unterwegs. Besonders der eklatante Mangel an hübschen Frauen fällt mir negativ auf. Ich setze mich erstmal in einen Park und frühstücke.

10:00 - Stadtbummel

Nachdem sich der Park hauptsächlich mit freilaufenden Hunden (inklusive deren Herrchen) gefüllt hat, beschliesse ich, erstmal einen kleinen Stadtbummel zu machen. Schnell stelle ich fest, daß das Gewerbe ein willkommenes Opfer für Smalltalk ist, auch wenn ich ständig mit diversen Einkaufsempfehlungen unterbrochen werde. Irgendwann habe ich aber die Nase voll und beschliesse, einfach mal unangemeldet eine Freundin zu besuchen.

12:00 - Ich wecke

Nachdem ich meine Bekannte aus dem Schlaf gerissen habe, stelle ich immerhin erfreut fest, daß sie gerade eh nichts zu tun hatte. Wir plaudern über dies und jenes und gleichen ihre Freundinnen nach potentiellen Partnerinnen für mich ab (0), anschliessend besuchen wir noch ein schickes Seitenstrassencafé. Meine Magickarten bleiben stecken, wir trennen uns erst um 16:30 wieder, nicht ohne uns für den Folgetag zu verabreden.

16:30 - Ich kaufe mir eine Uhr

Wer irgendwie erwartet hat, eine wilde Story voller Action und Sex zu lesen (oder schreiben), wird wohl enttäuscht. Nach einem weiteren Stadtbummel bin ich jetzt immerhin in Besitz einer schicken Uhr, man gönnt sich ja sonst nichts. 80 Euro ärmer und ein Fragt-mich-nach-der-Uhrzeit-Gesicht reicher werfe ich mich wieder ins Getümmel. Ich werde noch fix eine Runde durch einen Park drehen, um die Päärchen zu beneiden, und dann ist es auch schon Zeit, etwas zu essen.

21:00 - Heimwärts

Eigentlich war es ganz einfach, im Restaurant eine Stunde zu verquatschen, der Rest der Zeit ging für diverse Fusswege drauf. An der Haltestelle angelangt merke ich, daß es keine kluge Idee ist, seine Viererkarte in der Zigarettenschachtel aufzubewahren. Naja, habe ich eben 4,80€ in den Müll geworfen, lässt sich nun auch nicht mehr ändern. Ich werde nicht in dem Café nachfragen, ob ich mal einen Blick in den Wertstoffmüll werfen darf.

22:00 - Bettuhr

Ich komme zuhause an und falle sofort ins Bett, die ganze Lauferei hat mich zum Glück müde gemacht. Die Schreiberei hatte ich schon in der Bahn erledigt.