Realitätsflucht

Vorwort

Realitätsflucht - so lautete der Plan. Die Flucht vor meiner Realität in die echte. Gekommen ist mir diese Idee, als ich einen Film gesehen habe, den ich nicht verstand und mir spontan ein Forum gegoogelt habe, in dem ich mich darüber austauschen kann. Einer dieser Momente, in denen man sich selbst aus der dritten Person sieht und, weil man sich nicht schnell genug ablenken kann, anfängt nachzudenken.

Flucht nach vorn, so habe ich beschlossen, muss die Lösung sein. 48 Stunden werde ich mich von aller Zerstreuung fernhalten, PC-Spiele, Internet, Chat, Fernsehen, Filme, Bücher, Zeitschriften. Mit mir selbst konfrontieren, Zeit zum Nachdenken haben, unter Leute kommen. 48 Stunden deshalb, weil es dadurch nicht zu anstrengend wird, aus dem selben Grund sollte es gleich übermorgen losgehen. Zwei Tage sollten genug Zeit sein, um mich vorzubereiten. Im Endeffekt war es zu wenig Zeit, daran zu denken, daß alle meine Telefonnummern im Thunderbird gespeichert sind.

48 Stunden medienfrei - ich kann es noch drei weitere Male betonen und der Durchschnittsbürger wird immer noch nichts daran finden. Für mich ist das ein grosser Schnitt, ich kann mich nicht erinnern, wann meine Kiste das letzte Mal zwei Tage nacheinander ausblieb, ohne wenigstens einen Ausweich-PC zur Hand zu haben, um schnell mal E-Mails, vielleicht noch schnell 1-2 Foren und Browsergames, zu checken. Oft habe ich meine Freizeit um Fernsehserien herum geplant und einige Bücher nicht nur 1-2 mal, sondern gleich 5-6 mal durchgelesen, aus purer Langeweile. Vielleicht entdeckt sich jemand anderes in meinen Aufzeichnungen, möglicherweise geht es anderen noch schlimmer. Oder es dient als Warnschuss und Hinweis, zumindest eine Krimiserie zu knicken und stattdessen mal wieder in die Kneipe zu gehen. Hauptsächlich habe ich das ganze aber für mich getan.

Wer nun eine aus Alien-Sicht geschriebene Story über das Stadtleben erwartet, wird leider enttäuscht. Ich war dort schon öfter und kenne das Prinzip, kam nur in letzter Zeit irgendwie nicht mehr dazu. Wer umgekehrt wilde Ausschweifungen erwartet, weil ich auf meine alten Tage nochmal auf den Putz hauen will, hat ebenfalls Pech. Die Wahrheit liegt in der Mitte: eine kritische Selbstbetrachtung inmitten der Banalitäten des Alltags, welche auch ihr Fett wegbekommen, ohne aber ganz die Gagdichte eines Mittermaiers zu erreichen. Zwei Tage im Leben eines Junkies auf kaltem Entzug.

Planung

Nachdem mir die Idee kam, habe ich diese sofort in ein Clanforum gepostet, in der Sicherheit, daß mir dies genug Druck von aussen geben wird, die Sache auch durchzuziehen. Ebenso habe ich auf etwas Feedback und Ansporn gehofft. Dies war mein Foreneintrag:

48h medienfrei - ein Selbstversuch
Ich hab mir das grade ausgedacht und wollte es auf einen Versuch ankommen lassen. Sinn dabei ist es, mich mal mit mir selbst zu konfrontieren.
Aufgabe ist es, 48 Stunden am Stück kein Internet, keine Computerspiele, kein Fernsehen, keine Videos, keine Bücher zu konsumieren. Kurz: nichts zu tun, was der Zerstreuung dient. Mag für manche banal klingen, aber ich kann sicher sagen, daß ich das noch nie getan habe, selbst in meinem letzten Urlaub vor 5 Jahren hab ich tägliche ne Stunde gelesen.
Natürlich habe ich mir auch schon Gedanken gemacht, was ich in dieser Zeit tun soll.
Putzen? Sicher sinnvoll, aber damit bin ich in der Stunde durch und im Endeffekt ist es auch nur der Problematik ausgewichen.
Leute kennenlernen? Wäre sicher eine Lösung, mein Freundeskreis aus Jugendzeiten zersplittert sich mehr und mehr, bedingt durch viele Umzüge (meinerseits und auch andere sind weggezogen). Aber ich muss dazu sagen, daß ich das noch nie gemacht habe. Klar war ich schon auf massig Parties und kenne daher auch viele Leute, aber ich würde nicht so weit gehen, zu behaupten, daß ich es darauf angelegt hätte. Das ist halt so passiert und war ich nie sonderlich engagiert, dies zu festigen, im sicheren Wissen, daß einerseits viele aufgrund meines Charismas meine Nähe suchen und ich andererseits überhaupt nicht darauf angewiesen bin, da ich mich wunderbar allein zerstreuen kann. Ich würde sogar soweit gehen, einige aus dem Chat als meine besten Freunde zu bezeichnen. Es ist einerseits gut, solche Freunde zu haben (weshalb ich dies auch hier posten kann), andererseits schon etwas traurig. Der harte Kern mein nicht-Internet-Freunde konnte hauptsächlich deshalb bestehen bleiben, weil sie mich verstehen, was im Grunde daran liegt, daß sie meine Probleme teilen. Eine grosse Hilfe wäre das also nicht.
Ein Hobby suchen? Das fällt mir schwer, da ich mich aufgrund meiner kurzen Aufmerksamkeitsspanne nur Dingen widme, die ich schnell beherrsche. Sport kommt ebenfalls nicht in Frage, dazu bin ich viel zu faul. Auch sonst habe ich schnell eine Ausrede parat...

Also mal blöd gefragt: Wie bekomme ich die 2 Tage rum? Wie sollte ich mich vorbereiten? Wen würde ein Tagebuch interessieren?
Los geht es übrigens übermorgen, eine faire Zeitspanne, um mich nochmal darauf vorzubereiten.

Es kamen gute Ratschläge und viele haben mir Mut gemacht, aber auch die Frage "Was soll dabei eigentlich rauskommen?". Ich konnte diese Frage nicht beantworten und ich kann es auch heute noch nicht.